Glanz und Glamour im Kino UNION – Ein Rückblick

Seit 2010 würdigt „Berlinale Goes Kiez“ die lebendige Kinovielfalt in der Hauptstadtregion und macht an sieben aufeinanderfolgenden Abenden je ein Kiezkino zum zusätzlichen Spielort der Berlinale. Das Projekt wurde zum 60. Jubiläum des Festivals im Jahr 2010 initiiert und erweist sich seither als absoluter Publikumsliebling. Die Sonderreihe würdigt die Arbeit jener Filmtheater, deren engagierte Betreiber und Betreiberinnen sich für eine lebendige Kinokultur einsetzen und deren Besuchende über das ganze Jahr hinweg die programmatische Vielfalt schätzen. Der kleine rote Teppich wurde in diesem Jahr am 15. Februar 2022 explizit für das Kino UNION und das Publikum ausgerollt und ist mehr denn je als Symbol der Wertschätzung für die Kinos und die Treue ihrer Gäste zu verstehen. Die grundsätzliche Reduktion der Platzkapazitäten auf 50 Prozent galt auch im Kiez. Durch den Abend führte erstmals die Filmemacherin, Kuratorin und Dozentin Pary El-Qalqili.  Filmschaffende ließen sich diesmal coronabedingt keine blicken.

Foto: Kino Union

Gezeigt wurden zwei Filme aus dem aktuellen Berlinale Programm. Die Online-Tickets für die beiden Vorstellungen waren innerhalb von nur 60 Sekunden ausverkauft und lockten jede Menge begeisterte Cineasten aus der Innenstadt ins Kino sowie die üblichen Union-Gäste.

In dem deutschen Filmdrama „Alle reden übers Wetter“ (bisher ohne Kinostart) von Annika Pinske, hat die 39-jährige Philosophiedoktorandin Clara ein heimliches Verhältnis mit einem ihrer Studierenden. Beruflich bestärkt und betreut wird sie von ihrer souveränen Doktormutter Margot. Als Clara zum Geburtstag ihrer Mutter die mecklenburgische Provinz besucht, aus der sie stammt, hat sie mit dem Stolz, den Erwartungshaltungen, aber auch mit der Ablehnung der Familie und ehemaliger Weggefährten zu kämpfen. Ihr wird bewusst, wie weit sie sich auf der Suche nach einem selbstbestimmten Leben von ihren Wurzeln entfernt hat. Und vielleicht entfernen musste. Denn Heimatgefühl kann sich ändern. Annika Pinskes leises Drama studiert Vertrautheit und Fremdeln, Libertät und Zwang, Provinz und Stadt. Durch ein sensibles Spiel mit vielen Zwischentönen, macht ein herausragender, dialektfester Cast sowohl die Atmosphäre im universitären Umfeld Berlins, als auch die auf der ländlichen Familienfeier erlebbar. 

In Vera Brückners Dokumentation „Sorry Genosse“ (bisher ohne Kinostart) versuchen der westdeutsche Linksaktivist Karl-Heinz und die Thüringer Medizinstudentin Heidi, getrennt durch den Eisernen Vorhang, ihre Liebe auf dem Postweg zu finden. Bald folgen Treffen in Prag und Bulgarien – und die große Sehnsucht, zusammenzuleben. Vom Kapitalismus und dem Machtanspruch der USA ohnehin enttäuscht, entscheidet sich Karl-Heinz, in die DDR überzusiedeln. Doch das Leben im Sozialismus fordert einen Preis, denn die Stasi knüpft seinen Aufenthaltstitel an Spionagearbeit in ihrem Dienst. Aus anfänglichem Hofieren wird Schikane, die auch Hedi trifft. Desillusioniert sieht das Paar sich gezwungen, umzudenken. Es entsteht der kühne Plan, Hedi mit falschem Pass über Rumänien nach Westdeutschland ausreisen zu lassen. Doch alles, was schiefgehen kann, geht schief. Diese spielerisch erzählte Geschichte einer großen Liebe und einer aberwitzigen Flucht eröffnet einen ungewöhnlichen Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte: beide Staaten, DDR und Bundesrepublik, sind für die Protagonisten Fluchtgrund und Sehnsuchtsort zugleich. –Carlo Carluccio