Am Anfang war das Licht. Das gilt für das Universum und die zweite Industrielle Revolution in Oberschöneweide. Heutzutage erzählen nur noch die gelben Ziegelsteinbauten, die den Köpenicker Ortsteil prägen, von seiner innovativen Vergangenheit. Der wohl wichtigste Name in diesem Zusammenhang ist Emil Rathenau. Der Maschinenbauingenieur erkannte früh die Bedeutung der Elektrotechnik und erwarb von Thomas Edison die Lizenz auf dessen Patente rund um Elektrizität und gründete die „Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektrizität“ aus der später die AEG (Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft) wurde. 

Foto: Maurice Tricatelle

Da es innerhalb Berlins nach der industriellen Revolution keinen Platz mehr für weitere Industriestätten gab, suchte Emil Rathenau außerhalb und wurde im heutigen Oberschöneweide fündig. Die Gegend hatte die besten Voraussetzungen für Industrie, da direkt an der Spree gelegen und gleichzeitig nah an der Bahnstrecke nach Frankfurt Oder und Görlitz. Im Jahre 1895 ließ die AEG dort das erste Drehstromkraftwerk Deutschlands errichten und legte somit den Grundstein für Oberschöneweide als Industriestandort, der er die nächsten 100 Jahre sein sollte. 

Industriestandort Oberschöneweide 

Schon 1890 hatte die AEG eine Fabrik für Akkumulatoren gebaut und das 1896 fertiggestellte Stromkraftwerk lieferte den nötigen Strom für das ebenfalls 1896 gebaute Kabelwerk, Kupferwalzwerk, Gummiwerk und die Drahtzieherei. 

Andere Unternehmen taten es der AEG gleich und bauten entlang der Spree ihre Fabriken. So  entstanden dort 1898 unter anderem die Deutschen Niles-Werke für den Werkzeugmaschinenbau. Es entwickelte sich Berlins größtes zusammenhängendes Industriegebiet. 

Ein Drittel der dort angesiedelten Werke dienten der Energieindustrie. Emil Rathenau war auf diesem Gebiet revolutionär. Er suchte nach immer weiteren Verwendungsmöglichkeiten für Strom und so wurden in Oberschöneweide zum Beispiel auch Elektroautos gebaut. Auch wenn diese bald von Benzinfahrzeugen abgelöst wurden, war nicht nur diese Produktion der AEG wegweisend für die Zukunft. Das Kraftwerk das Rathenau bauen ließ, wurde zum Vorreiter der heutigen Stromerzeugung, denn es diente nicht nur der Industrie. Zum ersten Mal wurde in Deutschland elektrische Energie in ein Versorgungsnetz eingespeist und somit an private Haushalte weiterverteilt. 

Industriearchitektur

Auch die Architektur der Fabriken war repräsentativ für die Zeit. Die verzierten Fassaden und großen Fenster der AEG Bauten haben wenig gemein mit der grauen Tristesse, in der heutige Fabriken gebaut werden. Die Fabrikgebäude entlang der Wilhelminenhofstraße sind fast tempelartige Bauten, die nicht die Religion oder einem König huldigen, sondern der damals modernsten Technik. Die Krönung dieser Architektur ist wohl die 1915-1917 von Peter Behrens gebaut Automobilfabrik für die AEG-eigene Nationale Automobil Gesellschaft. Das fünfgeschossige Büro und Fabrikgebäude, in dessen Mitte sich zwei Montagehallen befinden, findet seinen Höhepunkt in dem Turm, der das gesamte Industriegebiet überblickt. Dort bilden sich auch heute noch eindrucksvoll drei Jahrzehnte Industriearchitektur ab. Hier können die Anfänge der Neuen Sachlichkeit nachvollzogen werden, eine Entwicklung weg von verzierten Fassaden hin zu Zweckbetonten Werken, bei denen Funktion über Form steht. 

20. Jahrhundert

Der Industriestandort und somit auch die AEG hielten sich über zwei Weltkriege hinweg, auch indem sie im ersten Weltkrieg ein hochrangiges Zentrum der Rüstungsindustrie wurden. Die vielen Angestellten in den Fabriken der Elektropolis führten dazu, dass Oberschöneweide ein Zentrum der Arbeiterklasse und der Sozialdemokratie wurde. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Fabriken zunächst durch die Nationale Sowjetische Aktiengesellschaft als Reparation weitergeführt bevor sie an die DDR als Volkseigene Betriebe weitergegeben wurden. Zu den besten Zeiten des Standortes waren dort 25.000 Arbeiter*innen beschäftigt. Hier wurden auch Kultobjekte wie der DDR Rasenmäher hergestellt, liebevoll auch Trolli genannt. Der Name weist auf die Geschichte der Fabrik als Transformatorenwerk hin. 

 

Mit der Wende wurde der Industriestandort Oberschöneweide abgewickelt. Die Arbeitsproduktivität war nicht ausreichend und so wurden die Grundstücke zerschlagen und verkauft. Doch es gibt Hoffnung auf die Zukunft mit innovativen neuen Nutzungsideen und der Ansiedlung der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Wen die Geschichte der Wiege der Berliner Elektroindustrie interessiert sollte den Industriesalon besuchen, dort gibt es technische Zeitzeugen zu sehen und informative Führungen durch das Gebiet zu unternehmen. Die Geschichte des Industriestandortes und der Menschen die dort arbeiteten und lebten wird hier würdig bewahrt und anschaulich aufbereitet. 

Denn die Geschichte des Industriestandorts Oberschöneweide, der Elektropolis, ist noch nicht zu Ende.

-Laura Hoffmann-Kuhnt