Ich lebe ja in Berlin, im Prenzlauer Berg. Und natürlich bin auch ich im Herzen eine Helen, aber eben netter. Ich bin grün und links. Das ist gar nicht so leicht hinzukriegen beides, aber ich schaffe das. Wir trinken Chai-Tea-Latte nach dem Tai Chi und haben Tattoos. Wir sind so gesund, dass wir unsere Kinder mit Chia-Samen zeugen.

Karikatur: Martin Claus

Das einzig Schlimme bei uns sind diese Machos aus dem Süden, die sich bei uns ausbreiten. Ganz schlimme Clanstrukturen, Typen, die auf Testosteron laufen. Horden von denen fallen bei uns ein. Wir sind wirklich tolerant, aber diese Leute haben nichts bei uns verloren. Das ist auch eine andere Kultur, das ist historisch eine andere Epoche, in der diese Leute stehen geblieben sind, das ist mit unseren westlichen urbanen Werten nicht zu vereinbaren. Die meisten sind ja nicht mal bereit, richtig Deutsch zu lernen. Was wollen wir auch erwarten? Wen

n Sie Ihr halbes Leben in Bietigheim-Bissingen verbracht haben, diesem Pjönjang des Südens, sind Sie verratzt. Und wissen Sie, woran man diese schwäbischen Machos erkennt? Sie nennen alle Frauen „Schbätzle“.

An jeder Ecke lassen sie sich nieder, die Schwaben, ganze Viertel nehmen sie ein und verpesten die Luft mit ihrer Linsensuppe, ihren Saitenwürschtle und ihren Maultaschen – das ist nicht Kulinarik, das ist ein Verstoß gegen die Menschenrechtskonventionen. Es gibt ja Leute, die behaupten, Schwaben gehörten zu Deutschland. Aber nein, ich möchte nicht, dass meine Kinder später mal Schwäbisch lernen müssen. Und dann rasen sie ja auch so in ihren Daimlers und Porsches und was sie da unten alles produzieren. Kaum sind sie raus aus ihrem Polizeistaat, geht’s los: Mit 220 durch den Prenzlauer Berg. Lebensgefahr für uns Lastenradfahrer mit drei bis vier Kindern und anderthalb Hunden drin. Zumal da auch noch eine derart unübersichtliche Kreuzung bei uns ist, an der es sowieso schon ständig knallt. 

Wir haben darum jetzt eine Initiative gegründet: Unsere Straße soll schöner werden. Wenn zum Beispiel einer dieser Deppen zu schnell gefahren ist, müssen wir verhindern, dass Notärzte dem Idioten auch noch helfen. Deshalb werden wir im Zuge des Masterplans Migration in Krankenhäusern sogenannte Intensivzentren einrichten. Dort wird innerhalb von 48 Stunden beschlossen, ob ein Unfallopfer behandelt wird oder nicht. Je nachdem, was die Auswertung der Fotos ergeben hat. Hier kriegt der Begriff Videobeweis eine ganz neue Bedeutung. Und wenn dann rauskommt, dass der Wahnsinnige schuld ist, dann wird er sofort ans Kreiskrankenhaus Backnang überwiesen. Sollen die ihn doch zusammenflicken!

Wenn wir anschließend herausfinden, dass ein Fahrer gerettet wurde, obwohl er gerast ist, dann zeigen wir die Sanitäter an. Wegen Beihilfe am versuchten Mord an unseren Frauen und Kindern. Wir haben auch schon mal überlegt, die Feuerwehr bei Unfällen einfach mal zu blockieren, sodass sie erst gar nicht mehr losfahren kann. Da stellen sich drei Nachbarn mit ihren SUVs vor die Feuerwehrausfahrt und schon ist Schluss mit Tatü-tata.

Ich habe die vorige Passage so ähnlich einmal in einem Bühnenprogramm erzählt. Spannend daran war die Reaktion des Publikums. Nach der Show kamen viele Zuschauer zu mir und sagten, das Stück über die Schwaben sei das Beste gewesen an diesem Abend. Freudestrahlend erzählte man mir von ähnlichen Erfahrungen bei Verwandtenbesuchen und dass diese Leute genauso seien, zum Teil noch viel schlimmer, und ob ich das auch in Schwaben vortragen würde oder ob ich dort Personenschutz habe, weil die Leute dort ja nun wirklich absolut keinen Spaß verstünden. Ich kann an dieser Stelle beruhigen: Tatsächlich kam ich jedes Mal ohne Blessuren aus dem schwäbischen Raum wieder hinaus. Gefahr war nie im Verzug, im Gegenteil. Die Reaktion lautete oft: „Des mit de Schwobe war subber – genauso isch mei Nachbar au!“

Das hat mich immer wieder nachdenklich gemacht. Mein Ziel war ja, zu zeigen, wie leicht es ist, mit genau dem begrifflichen Besteck, mit dem die gemeinhin verachteten Rechtspopulisten ihren Araber filetieren, auch andere Gruppen zum Fraß vorzuwerfen. Es reicht, mit einer minimalen Akzentverschiebung in den Worten eine ähnliche Hetze zu betreiben, nur eben im Namen des Guten, was es nicht besser macht. 

In den USA ist der Rassismus ziemlich genau dokumentiert: Gefängnisstrafen fallen für schwarze Frauen mit dunkler Haut durchschnittlich länger aus als für Schwarze mit hellem Hautton (A.a.O.). Schwarze verdienen weniger als Weiße, zahlen mehr, wenn sie über den Preis eines Autos verhandeln, Ärzte verschreiben ihnen weniger Schmerzmittel und Immobilienmakler zeigen ihnen schlechtere Häuser und Wohnungen. Selbst wenn man aus der Statistik die größere Armut, das niedrigere Bildungsniveau und die höhere Kriminalitätsrate der schwarzen Bevölkerung herausrechnet, gilt das. 

In Deutschland ist die Lage anders: Hier unterscheiden Statistiken erst gar nicht nach Herkunft oder Hautfarbe. Das tun sie nur im Fall von Kriminalität. Es gibt noch nicht einmal Zahlen, wie viele schwarze Menschen hier wirklich leben – wahrscheinlich mindestens eine Million. Sie bleiben im Dunkeln. 

Im internationalen Rassismus-Ranking muss sich Deutschland gerade in den vergangenen Jahren nicht verstecken: Wir hatten Hakenkreuze auf Gedenktafeln und Grabsteinen, wir hatten den NSU, der mordend durchs Land zog und dessen Opfer unter dem Namen „Döner-Morde“ wie heimliche Täter beäugt wurden – und wir hatten einen Verfassungsschutz-Chef, der Hetzjagden in Chemnitz leugnete. Wir hatten Alexander Gauland, der meinte, die Jahre 1933 bis 1945 seien nur ein Vogelschiss, wir hatten Franco A., den rechtsradikalen Bundeswehrsoldaten, der sich als islamischer Flüchtling tarnen wollte, um einen Terroranschlag zu verüben, der aussehen sollte wie ein islamistischer. Franco A. war nur die Spitze eines rechtsextremistischen Netzwerks, das sich unter den Namen Hannibal und Nordkreuz quer durch Polizei und Bundeswehr zog. Wir hatten Polizeibeamte, die Drohbriefe an türkisch-stämmige Anwältinnen und Künstlerinnen schickten und wir hatten den Mord an CDU-Politiker Walter Lübcke und den brutalen Terroranschlag von Hanau. 

Gut, Wissenschaft ist ohnehin überschätzt. Siehe Klimawandel. Da sieht man doch, wie anstrengend es wird, einfach so weiterzumachen wie bisher, wenn man erst mal Fakten hat! Diese Fakten muss man dann nämlich leugnen. Da ist es doch besser, lieber erst gar keine zu erheben.

– Florian Schroeder (Kabarettist, Autor, Kolumnist, Hörfunk- und Fernsehmoderator)