Foto: Anne T.

Alles neu macht der Mai. Das Jahr ist schon vorangeschritten, das Leben rast und die Stadt ist schon seit Wochen in stetiger Unruhe.
Manchmal frage ich mich, wohin sich die Zeit so gerne verkriecht. Als wäre sie auf der Flucht, auf dem Sprung, müsste ganz dringend irgendwo anders hin. Oder sind wir diejenigen, die davonlaufen? Keine Zeit, noch dies und das besorgen, nichts verpassen und ja nicht stehenbleiben. Es wird ein wenig von allem sein.

Was sorgt besser für Entschleunigung, als ein gutes Buch?

Neben den zahlreichen Fahrradtouren und Spaziergängen, die einen so durchs Jahr begleiten, darf es ja ab und zu auch ein wenig Kultur
sein, welche die Neugier befriedigt und den Horizont erweitert. Mit einer Decke in den Park gelegt, Füße ins Gras und den Wälzer einmal durchgeblättert. Der Duft von rauem Papier. Spüre ich da einen leichten Hauch von Druckerschwärze? Hineingefallen in ferne Welten, in denen der Fantasie freien Lauf gelassen werden kann, oder historische Wälzer, die uns helfen, die Vergangenheit und somit auch die Gegenwart etwas besser zu verstehen. Bibliotheken gibt es viele in Berlin, doch werden sie noch genutzt? Und braucht es mehr als Bücher, um die Menschen in die ehrfürchtige Stille zu locken, die in diesen Häusern herrscht?

In Treptow-Köpenick gibt es mehrere Mittelpunktsbibliotheken. Eine ist in der Altstadt am alten Markt zu finden und die andere an der alten Feuerwache in der Michael-Brückner Straße in Treptow. Am alten Markt ist es ein eckiger Backsteinneubau mit einem Dach, das sich im Zickzack über den Wandkörper legt. Das Verwaltungsgebäude stammt aus vergangenen Zeiten und wird durch ein gläsernes Element mit dem neuen, in jenem sich der Lesebereich befindet, verbunden. Der Neubau besitzt interessant angeordnete Fenster, die auf den ersten Blick nicht vermuten lassen, dass sich hinter ihnen die Vielfalt der stillen Geschichten und noch so einiges mehr verbirgt. 2009 gewann das Gebäude sogar den deutschen Architekturpreis. Von innen kann auf drei Ebenen geschmökert und recherchiert werden. Die Betonwände könnten auch zu einem Bauhausgebäude gehören und im Innenbereich heben sich die Holzregale warm von dem Grau ab, das jedoch nicht bedrückend wirkt. Ich erinnere mich noch, dass wir früher häufig  Gitarrenkonzerte in der Bibliothek gegeben haben. Die hohen Decken geben – ähnlich wie in einer Kirche, eine gute Akkustik, durch die sich der zarte Klang der Saiten gut entfalten kann. In einigen Wintern gab es einen begehbaren, interaktiven Adventskalender in der Altstadt, bei dem auch einige Türchen in der Bibliothek stattfanden. Weihnachtsgeschichten wurden gelesen. Dazu gab es Plätzchen und Gitarrenklänge. Doch nun genug in Erinnerungen geschwelgt. Zurück in die Gegenwart. Heute finden immer noch sehr regelmäßig Autorenlesungen statt. Das Veranstaltungsprogramm ist gut ersichtlich auf der Internetseite
www.berlin.de zu finden. Der Eintritt ist frei und eine vorherige Anmeldung ist erwünscht. Auch für Kinder gibt es Lesungen, die meistens vormittags stattfinden und auch einige Kurse, bei denen Hobbys vertieft werden können. Zum Malkurs ‚Cöpenicker Zeichenstunde‘, können Laien und Profis mit ihren Skizzenbüchern und Materialien kommen und sich gegenseitig inspirieren und austauschen. Internet, digitale Medien und Drucker sind vorhanden, damit in der Bibliothek gearbeitet werden kann. Es ist ein Ort der Begegnung, aber auch des Rückzugs. Wer möchte, kann sich in eine Ecke verkrümeln, die Nase in ein Buch stecken und in den Tiefen der Seiten versinken. Oder eben in der Sonne liegen und ein ausgeliehenes Exemplar durcharbeiten. Die Mitarbeitenden beraten die Besucher gerne und sind gut über das Sortiment im
Bilde. Mein Bücherdurst ist nun vorläufig gestillt. Ich trete hinaus in die Sonne und schlendere zum Wasser am Luisenhain hinunter. Ich genieße das Treiben, das Plätschern der Spree. Auch hier lässt es sich wunderbar entschleunigen. Mal sehen, wo es mich als nächstes hintreibt. Köpenicks Ecken haben noch mehr zu bieten. Viel mehr.

–Anne T.