Eine Meinung von Lilian Schwerdtner

Karikatur: Martin Claus

Sexualisierte Gewalt ist allgegenwärtig, ja sogar „pandemisch“. In Deutschland wird häufig darauf verwiesen, dass jede dritte Frau seit ihrer Jugend sexualisierte Gewalt erlebt, was zum Beispiel durch die EU-Studie „Violence against women: an EU-wide survey“ aus dem Jahr 2014 gestützt wird. Die Schweizer Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ spricht sogar von jeder zweiten Frau, der sexualisierte Gewalt angetan wird. Nicht vergessen werden sollte dabei, dass etwa jede*r fünfte Betroffene ein Mann ist.
Das klingt nach viel – zu viel? Aufgrund meiner Erfahrung und den Begegnungen mit zahlreichen Betroffenen halte ich diese Statistiken für absolut realistisch. Doch wenn ich mit Menschen außerhalb meiner sensibilisierten „Bubble“ spreche, die sich noch nicht so viel mit Antisexismus und sexualisierter Gewalt beschäftigt haben, stelle ich fest, dass sich deren Wahrnehmung nicht mit meiner deckt. Vielmehr begegnen mir dort oft Zweifel an diesen Zahlen und die Frage danach, wo die ganzen Betroffenen denn steckten – unter ihren Bekannten gebe es jedenfalls keine.
Ich bin aber davon überzeugt, dass das nicht stimmt. Auch im Umfeld derjenigen, die das glauben, gibt es sicher viele Betroffene. Warum aber wissen selbst nahestehende Personen oft nichts davon? Zunächst: Es ist ein Irrtum, dass man Betroffene, zum Beispiel aufgrund ihrer Traumatisierung, leicht von außen erkennt. Ganz im Gegenteil: Betroffene und ihre Reaktionen sind sehr vielfältig und ihr Verhalten entspricht oft nicht den an sie gestellten Erwartungen. Es stimmt außerdem nicht, dass Betroffene nicht über die erlebte Gewalt sprechen wollen. Viele versuchen es und scheitern. Allerdings gibt es auch viele Gründe zu schweigen: Angst vor dem*der Täter*in, vor den Konsequenzen für das eigene Leben (zum Beispiel Trennung, Umzug, Jobwechsel), Scham, Angst vor Vorverurteilungen und anderen verletzenden Reaktionen wie etwa Ungläubigkeit, Schuldumkehr oder das Verharmlosen der Gewalt.
All das führt dazu, dass teilweise selbst enge Freund*innen nichts von der erlebten Gewalt wissen. Diese „Unbeteiligten“ unterschätzen daraufhin die Zahl der Betroffenen. Aber auch Betroffene selbst wissen gegenseitig häufig nichts voneinander. Sprachlosigkeit führt zu Isolation – nebeneinander. Das Schweigen zu brechen ist schwer, wenn man denkt, dass man selbst die einzige betroffene Person weit und breit ist.
Für die „Unbeteiligten“ ist ihre Unwissenheit praktisch, denn wenn man nichts über die Betroffenen im eigenen Umfeld weiß, muss man sie nicht unterstützen. Solidarität mit Betroffenen ist unbequem und anstrengend. Sie erfordert eine klare Haltung und allein das Unterstützen der Betroffenen kann viel Energie beanspruchen. Darüber hinaus entlastet die Unwissenheit von der Auseinandersetzung oder gar Konfrontation mit Täter*innen und den Personen, die diese schützen. Wenn man nichts über Betroffene im eigenen Umfeld weiß, muss man sich auch nicht mit den Täter*innen im eigenen Umfeld und der eigenen Rolle in diesem Geflecht auseinandersetzen. So ist es leicht zu glauben, dass sexualisierte Gewalt immer nur das Problem der anderen, nie aber das eigene Problem ist.
Daher plädiere ich dafür, nicht automatisch davon auszugehen, dass die Menschen im eigenen Umfeld nicht von sexualisierter Gewalt betroffen sind, nur weil man nichts davon weiß. Man kann die Menschen, mit denen man befreundet ist, durchaus mal fragen, was eigentlich ihre Erfahrungen mit Sexismus und sexualisierter Gewalt sind. Natürlich darf das kein Überfall in einer unpassenden Umgebung mit vielen Mithörer*innen sein, und man sollte keinesfalls Drängen oder Nachbohren, wenn die Person nicht antworten will. Die Basis, um das Vertrauen der unsichtbaren Betroffenen im eigenen Umfeld zu gewinnen, ist eine betroffenensolidarische Haltung: die immense Dimension des Problems anzuerkennen, Betroffenen zu glauben, wo man ihren Berichten etwa in den Medien begegnet, und nicht die Augen zu verschließen vor vermeintlich harmlosen Übergriffen im eigenen Umfeld.