Karikatur: Martin Claus

Klimawandel, kein Öl mehr aus Russland, Schaffung einer lebenswerten Stadt … es gibt viele Gründe, öffentliche Verkehrsmittel statt des eigenen Autos zu nutzen. Ich habe meines vor 15 Jahren abgeschafft. Und ich kann sagen: Es gibt ein Leben nach dem Auto. Aber es ist nicht leicht.
Die öffentlichen Verkehrsmittel in der Hauptstadt werden von den Besuchern und Gästen der Stadt viel gelobt. Wir Berliner dagegen sind oft anderer Meinung. Nicht zu Unrecht. Denn wer täglich mit den Öffis unterwegs ist, hat fast jeden Tag eine neue (Leidens-) Geschichte zu erzählen. Sich auf die Fahrpläne von Bus und Bahn zu verlassen ist grob fahrlässig. Oft stellen sie nur einen nie erreichten Idealzustand dar. Natürlich habe ich Verständnis dafür, dass eine Straßenbahn, die im Stau an einer Baustelle steht, nicht pünktlich sein kann. Nicht aber, wenn wie bei der Linie 68, fast jeden zweiten Tag der Verkehr für oft länger als eine Stunde unterbrochen ist, nur weil an den Parkplätzen am Betonwerk wieder einmal ein SUV-Kapitän die Breite seines Schlachtschiffs unterschätzt hat und damit den Tram-Verkehr blockiert. Ich frage mich, wie lange die BVG und Straßenverkehrsbehörde noch warten wollen, bevor die Parkplätze endlich so umgestaltet werden, dass eine Behinderung des Tram-Verkehrs ausgeschlossen werden kann?! Die 15 Jahre, die dieser Missstand bereits dauert, sollten Zeit genug gewesen sein!

Neverending Story
Aber der Berliner ist geduldig, besonders wenn er mit Öffentlichen unterwegs ist. Als Anfang des Jahres die Deutsche Bahn ihre Pläne bekannt gab, welche S-Bahnhöfe saniert und modernisiert werden sollen, muss das vielen Fahrgäste wie eine Drohung in den Ohren geklungen haben. Angesichts der nie enden wollenden Dauerbaustellen auf den S-Bahnhöfen Zeuthen, Eichwalde und vor allem Bahnhof Schöneweide, bedeutet eine Sanierung erst einmal für Jahre nie enden wollende längere Wege, Stehen im Regen und Warten auf die Erlösung, die Jahr für Jahr weiter nach hinten verschoben wird. In Zeiträumen von mehreren Jahren, in denen unserer Urgroßväter ganze Strecken beispielsweise von Berlin nach Görlitz samt den Bahnhöfen erbaut haben, bekommen es die fünf Rentner in Heimarbeit, die auf diesen Baustellen tätig sind, nicht gebacken, die Arbeiten endlich abzuschließen. Wussten Sie, dass die DB für den Bau des neuen S-Bahnhofs Warschauer länger gebraucht hat, als die Fertigstellung des BER in Anspruch nahm?
Seit Anfang der 2000er-Jahre wird über den Bau eines Regionalbahnhofs Köpenick diskutiert. Über 20 Jahre führte die DB die Berliner Politiker am Nasenring im Kreis und verhinderte den Bau der Station, weil ihr diese nicht ins Konzept passte. Ein Baustart ab dem Jahr 2023 bedeutet nur, dass nicht vor dem Jahr 2023 gebaut wird. Und wenn der Bau ähnlich erfolgreich, wie der der neuen S-Bahnlinie von Wedding zum Berliner Hauptbahnhof verläuft, werde ich eine Fertigstellung leider nicht mehr erleben.

Vorwärts, wir ziehen uns zurück!
Skurrile Dinge ereignen sich am S-Bahnhof Grünau. Hier hat die BVG mit großem Aufwand vor gut einem Jahr eine Wendestelle für Zweirichtungs-Straßenbahnen erbaut. Der Bau wurde mit der Einführung eines 10-Minuten-Taktes bis zum S-Bahnhof Grünau begründet. Allerdings hätte die BVG für die weit über 100.000 Euro, die diese Wendestelle mit ihren zwei Weichen gekostet hat, die zusätzlichen Bahnen über Jahre weiter nach Alt-Schmöckwitz fahren lassen können, wodurch die dortigen Anwohner auch in den Genuss eines 10-Minuten-Taktes gekommen wären. Sollte die BVG ihre Pläne umsetzten, diese Wendestelle demnächst für weitere 100.000 Euro in Form eines zusätzlichen Kehrgleises weiter auszubauen, würde es ihr damit gelingen, die Pläne der Grünen Berliner Verkehrspolitik, einen 10-Minuten-Takt bis an die Stadtgrenzen anzubieten, dauerhaft zu verhindern.
Vor 100 Jahren, in den Goldenen Zwanziger Jahren, lautete das Motto „Tempo, Tempo!“ in Berlin. Heute steht der Begriff „Berliner Tempo“ leider für quälende Langsamkeit, wenn nicht sogar Stillstand. So kann eine Verkehrswende auch stattfinden – nur leider in die verkehrte Richtung.

eine Meinung von Peer Hauschild