Geschichten aus der Vergangenheit, von Menschen für Menschen

Foto: Anne T.

Die Blätter hängen noch an den Ästen, verlieren jedoch allmählich ihre Farben. Der Sommer ist dahin geflogen und ich wünsche mir, dass er wieder von Neuem beginnt. Ich fahre die Wilhelminenhofstraße entlang, vorbei an den großen Industriehallen auf der einen und den Wohnhäusern mit ihren Geschäften auf der anderen Seite. Vorbei am Kaisersteg und den Liegestühlen einer kleinen Bar. Ich werfe einen Blick auf die Kunstschaffenden in den Studios und Ateliers und stehe nach der nächsten Biegung vor einer grauen Wand mit großem Tor und roter Schrift. Das Gebäude wird von kleinen Eisenskulpturen bewacht. Die Klingel dröhnt durch die große Halle, ich trete durch das Tor und mir eröffnet sich eine kleine Wunderwelt aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Raum ist gefüllt mit historischen Schätzen, die einen Bruchteil der industriellen Hochzeit der DDR präsentieren. Alte Bilder, Zeitungen, Kalender, Karten und Schilder. Ich komme mir selber vor, wie in einem Archiv, in dem Menschen die Köpfe zusammen stecken und auf den Pfaden der Vergangenheit wandeln. Im Industriesalon in Schöneweide nimmt man sich die Geschichte zu Herzen. In den großen Hallen am Kaisersteg wurde in der Vergangenheit der erste Drehstrom erzeugt und viele Fachkräfte verrichteten hier ihr Tagwerk. Nach der Wende wurden diese jedoch entlassen und die Werke geschlossen und verkauft. Heute hauchte man den geschichtsträchtigen Gebäuden wieder kreatives Leben ein und wandelte sie zu Kunst- und Kulturstätten um. Der Industriesalon existiert seit 2010 und wurde von dem Künstler Sven Hermann aufgekauft und zur kostenlosen Nutzung freigegeben. Durch Fördergelder und Bürgerinitiativen aufgebaut, finden nun wechselnde Ausstellungen statt.

Foto: Anne T.

Ab dem 10. September, mittwochs bis sonntags je 14:00 bis 18:00 Uhr, läuft nun bis Ende November auch das Stadtlabor. Eine wachsende Ausstellung im stetigen Prozess, die sich bis zum Ende entwickeln und erweitern darf. Worum geht es und wo liegt der Ursprung? Der freischaffende Künstler und Historiker Albert Markert und der Projektleiter und Journalist Peer Hauschild berichten mir von ihrer Planung. Begonnen hat es mit einer Panorama-Fotostrecke aus dem frühen 20. Jahrhundert. Zu sehen sind die Häuser der Wilhelminenhofstraße. Aus einer Zeit, als noch Eisenbahnen durch Schöneweide fuhren, um Baustoffe für die industrielle Produktion zu liefern. Daraus entstand die Idee, dass es wichtig sei, nicht nur die Geschichte der Industriestätten in Schöneweide zu erzählen, sondern auch die Geschichten der Häuser und ihrer Bewohner. Hierfür wurden Bauaktenarchive durchkämmt, in offenen Sprechstunden Materialien und Geschichten zusammengetragen und eine interessante Aktion gestartet: Mit an den Türen montierten Schildern, wurden Interessierte gesucht, die ihre Wohngeschichte in einem Interview erzählen möchten. Generation und Herkunft spielten hierbei keine Rolle. Die gesammelten Geschichten werden ebenfalls ein Teil des Stadtlabors bilden. Erzählungen von Menschen für Menschen. Schnell wird mir klar, dass es hier um mehr als eine Ausstellung geht. Es geht um die geschichtliche Aufarbeitung und die Vernetzung der Generationen. Denn auch eine interaktive Webseite, www.industriesalon.de/stadtlabor-wilhelminenhofstraße, soll die Besuchenden dazu anregen, in ihren Kellern zu stöbern und Fotos, Briefe oder Erzählungen von Verwandten in das Labor einzupflegen. Viele Institutionen werden Teil der Aktion sein. In der Wilhelmine5 werden beispielsweise alte Fotografien zu sehen sein, auf denen das Alltagsleben festgehalten wurde. In den Reinbeckhallen werden Fotografien aus den 90ern präsentiert und in verschiedenen Gastronomien und Läden wird es weitere Überraschungen zu entdecken geben. Gekennzeichnet werden diese mit weißen Fähnchen, die den Besuchenden den Weg weisen sollen. Die Hauptausstellung befindet sich in den Hallen des Industriesalons. Hier wird das Stadtlabor am Samstag eröffnet und am Abend auch mit einer musikalischen Einlage untermalt.
Ich finde, dass wir uns dieses Projekt, welches mit so viel Fürsorge und Emotionen auf die Beine gestellt wurde, nicht entgehen lassen sollten. An alle Neugierigen, Nostalgen und
Jemensch: Wir sehen uns am 10. September ab 16:00 Uhr, denn der Mensch lernt ein Leben lang und vor allem nie aus.  –Anne T.