Foto: Sebastian Wallroth

Die Sternwarte im Treptower Park gilt als die größte Volkssternwarte Deutschlands. Doch das ist nicht der einzige Rekord, den diese Sehenswürdigkeit in Treptow hält.
Klären wir zunächst folgende Frage: Was ist eigentlich eine Sternwarte? Oft werden sie auch astronomische Observatorien genannt, denn es sind Orte mit wissenschaftlichen Instrumenten zur Beobachtung des Sternenhimmels. Es wird zwischen wissenschaftlichen Sternwarten und solchen für den Bildungsbetrieb oder Amateurastronomie unterschieden.
Die sich im Treptower Park befindende Archenhold Sternwarte ist als Volkssternwarte für den Bildungsbetrieb bestimmt. Doch wie kam es dazu, dass sich die größte Volkssternwarte Deutschlands ausgerechnet dort befindet?

Gewerbeausstellung 1896

Im Jahr 1896 fand zum 25. Jahrestag der Erhebung Berlins zur Reichshauptstadt die Berliner Gewerbeausstellung in der Landgemeinde Treptow statt. Industrielle wollten die Welt in die deutsche Hauptstadt einladen und dort deutsche Produkte positiv darstellen, denn zu diesem Zeitpunkte stand das Label „made in Germany“ eher für schlechte Qualität. Auf der Gewerbeausstellung sollte also deutsche Technik und Handwerkskunst zur Schau gestellt werden. Ein 21 Meter langes Riesenfernrohr bildete einen der Höhepunkte der Ausstellung. Bis heute ist es das längste Linsenfernrohr der Welt. Es wurde mit Hilfe einer Spendenaktion finanziert, deren Initiator Friedrich Simon Archenhold, auch zum Namensgeber der Sternwarte wurde.

Vom Fernrohr zur Sternwarte

Wie wurde nun aber das einzelne Fernrohr zur größten Volkssternwarte Deutschlands? Tatsächlich ist dies eher durch Zufall, als durch Planung entstanden. Denn am Ende der Ausstellung fehlte schlicht das Geld, um das Fernrohr wie geplant wieder abzubauen. Da es bei der Berliner Bevölkerung auf großes Interesse stieß, entschied der Magistrat von Berlin, dass das Fernrohr bis auf weiteres im Treptower Park stehen bleiben dürfe. Dieser Zufall führte de facto zur Gründung der Sternwarte. Sie wurde durch einen eigens gegründeten Verein betrieben, deren erster Direktor und Gründer Friedrich Simon Archenhold war. Es wurde eine kleine Ausstellung, eine Bibliothek und ein Vortragsraum in das Holzgebäude der Gewerbeausstellung gebaut. Damit erfreute sich die Sternwarte großer Popularität in Berlin und leistete einen wichtigen Beitrag zur Volksbildung.

Vergrößerung und Relativität

Der Holzbau der Gewerbeausstellung stellte sich bald als unzureichend heraus und so initiierte Archenhold wieder eine Spendenaktion, um die Sternwarte auszubauen. Die Pläne der königlichen Bauräte und Architekten Konrad Reimer und Friedrich Körte, wurden von 1908 – 09 verwirklicht und das neoklassizistische Gebäude konnte am 4. April 1909 eröffnet werden. Archenhold etablierte ein vielseitiges Programm. Unter anderem konnten Schulklassen die Sternwarte unentgeltlich besuchen. Doch der Höhepunkt dieses Programms war sicherlich der, als Albert Einstein im Juni 1915 seinen ersten öffentlichen Berliner Vortrag über die Relativitätstheorie im Vortragssaal der Sternwarte hielt. Im Jahre 1979 erhielt dieser Saal sogar zum 100. Geburtstag des Genies den Namen Einstein-Saal.

Die Sternwarte während des Nationalsozialismus

Im Jahr 1981 übergab Archenhold die Leitung der Sternwarte an seinen Sohn Günter. Dieser konnte sie jedoch nicht lange leiten, da die Archenholds als jüdische Familie ab 1933 starker Diskriminierung durch die Nazis ausgesetzt wurden, bis Günter Archenhold schließlich 1936 endgültig aus dem Amt vertrieben wurde. Die Sternwarte wird entschädigungslos von der Stadt Berlin übernommen. Die Familie Archenhold überlebt die NS-Zeit nur teilweise. Friedrich Simon stirbt 1939, seine Frau Alice und Tochter Hilde werden im KZ Theresienstadt ermordet, während die Söhne Günter und Horst nach England fliehen können. Binnen des Zweiten Weltkrieges wird sowohl das Gebäude, als auch das Riesenfernrohr bei Luftangriffen beschädigt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Magistrat von Berlin, Edgar Mädlow, setzte sich erfolgreich für die Wiederaufnahme des Betriebs der Sternwarte ein. 1946 konnte so das 50-jährige Bestehen der Sternwarte gefeiert werden, im Zuge dessen sie den Namen Archenhold Sternwarte bekam. In der DDR wurde die Sternwarte erneuert und vergrößert und der Direktor schrieb das erste Lehrbuch für den neu eingeführten Astronomieunterricht. Nach der Wende brechen schwierige Zeiten für die Sternwarte an. Da inzwischen das Zeiss-Großplanetarium in Prenzlauer Berg eröffnet wurde, brechen die Besucher*innenzahlen ein. Der Einrichtung droht die Abwicklung. Doch viele bemühen sich um den Erhalt der Sternwarte, sodass es 1994 zur Sanierung kommt.

So steht durch das Engagement verschiedenster Personen die größte und älteste sich noch im Betrieb befindliche Sternwarte Deutschlands auch heute noch im Treptower Park.

–L. Hoffmann-Kuhnt