eine Meinung von Luisa W., Sozialarbeiterin im Kinderschutzbereich Berlins

eine Karikatur von Martin Claus

Evi ist zwölf Jahre alt. Seit ihrem zweiten Lebensjahr wohnt sie nicht mehr Zuhause. Der tägliche Konsum von Alkohol und harten Drogen der Mutter haben den Alltag der jungen Familie bestimmt. Evis Mutter hat den Weg aus der Sucht und Verzweiflung nicht mehr gefunden, den Blick für ihr Kind verloren. Der Vater ist schon vor der Geburt von Evi abgehauen. Von seiner Tochter möchte er nichts wissen. Ein Kind passt nicht in seine Lebensplanung. Evis Mutter hat keine Unterstützung, sie erkrankt an Depressionen. An manchen Tagen schafft sie es nicht aus dem Bett, betäubt sich mit Schnaps und Wein. So ist es beinahe täglich vorgekommen, dass Evi über mehrere Stunden unbeaufsichtigt bleibt. Sie ist hungrig und durstig und schreit über lange Zeiträume. Irgendwann bekommt das eine Nachbarin mit und alarmiert das Jugendamt. Das Jugendamt schätzt die Mutter als nicht betreuungsfähig ein und nimmt Evi in Obhut. Sie kommt vorerst in eine Pflegefamilie. Evis Mutter muss einen Entzug machen, um wieder mit ihrem Kind leben zu dürfen. Mit Erfolg. Doch als Evi sieben Jahre alt ist, erleidet die Mutter einen Rückfall. Das Jugendamt nimmt Evi erneut aus der Familie und bringt sie zuerst in einer Krisengruppe, dann in einem Kinderheim unter. Evi ist sauer: sauer auf die Mutter, sauer auf das Jugendamt und vor allem auf dieses Leben, was jetzt schon so kompliziert ist. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als mit ihrer Mutter zusammen zu sein, ohne Alkohol, ohne Probleme, in einem Haus mit Garten und dem schon so lange herbeiersehnten kleinen Hund. Aber all das bleibt ihr verwehrt. Evi übernimmt die Verantwortung für ihre Mutter – so wie sie das all die Jahre getan hat. Sie räumt die Wohnung auf, bereitet das Essen vor und deckt die Mutter zu, wenn diese wieder im Rausch auf dem Sofa einschläft. Im Kinderheim wird Evi von dieser Verantwortung nun befreit. Die Sorgen um ihre Mutter steigen aber. Evi leidet an Impulskontrolldurchbrüchen, geht auf andere Kinder und Betreuer*innen los. So kommt es, dass sie immer wieder aus Einrichtungen entlassen wird. Das Personal ist begrenzt, die Fachkräfte wissen nicht mehr weiter. Sie versuchen sich und die anderen Kinder im Heim zu schützen. Evi ist inzwischen zwölf Jahre alt, war bereits in über zehn Einrichtungen untergebracht. Das Jugendamt kommt an seine Grenzen. Keine Einrichtung in Deutschland möchte das Mädchen aufnehmen. Der Rahmen sei nicht gegeben oder die Plätze belegt. Evi verweilt zwischenzeitlich in einer Inobhutnahmestelle. Die Mutter verspricht immer wieder, sich in einen Entzug zu begeben und Evi wieder bei sich aufzunehmen. Bis heute kam es nicht dazu. Evi macht das immer wütender. Sie treibt sich nachts auf der Straßehe rum, verkehrt mit älteren Männern. Fachkräften vertraut sie schon lange nicht mehr.

Die Geschichte von Evi spiegelt die Schicksale vieler Kinder und Jugendlichen in Deutschland wider. Das Jugendhilfesystem ist überlastet. Es fehlt an allen Ecken: Gesonderte Einrichtungen für Kinder wie Evi, Personal und Geld. Für Fachkräfte in Einrichtungen, wie Krisengruppen und Kinderheimen, bedeutet ihre alltägliche Arbeit auch, verbalen und körperlichen Übergriffen ausgesetzt zu sein. Und dies meist gepaart mit unverhältnismäßiger Bezahlung. Nachtdienste müssen alleine gemeistert werden. Eine Fachkraft ist für mehrere Kinder verantwortlich, sodass diese nicht die benötigte Zuwendung und Betreuung bekommen können, die sie in ihrer Lebenssituation brauchen. Das schreckt viele Fachkräfte ab, es kommt zu einem Personalmangel.

Die Überlastung ist auch in den Jugendämtern Alltag. In einigen Berliner Bezirken liegen über 70 Fälle auf dem Schreibtisch einer Fachkraft. Allen gerecht werden ist schlicht nicht möglich! Doch was bedeutet das für die Kinder und Jugendlichen? Vor allem eines: ungleiche Chancen im Leben. So wie auch im Fall von Evi.
Einigen von Ihnen mag der Begriff des „Systemsprengers“, spätestens seit dem preisgekrönten und gleichnamigen Film von Nora Fingscheidt, bekannt sein. Dieser wird gerne
bei Kindern wie Evi genutzt. Kinder, für die das Jugendhilfesystem in Deutschland keine langfristige Lösung findet. Kinder, die für Fachkräfte und das Jugendamt nicht mehr greifbar sind. Aber aus meinen Erfahrungen im Jugendhilfesystem bin ich mir um eines sicher: Diese Kinder „sprengen“ nicht das System, das System „sprengt“ diese Kinder!