Grafik: Martin Claus

Berlin ist bekannt für besonders seriöses und termingerechtes Bauen. Und das war’s für heute mit der Ironie, liebe Leserinnen und Leser. Es existieren gefühlt unzählige, nicht enden wollende Bauprojekte im öffentlichen Raum. Das komplette Gegenteil hierzu sind sogenannte Studierendenapartments, die geradezu aus dem Boden schießen. Ein solches Bauprojekt wird aktuell von der Berlinovo in Oberschöneweide, Siemensstraße Ecke Nalepastraße, realisiert; bis zum zweiten Quartal 2023 soll die Fertigstellung erfolgen. Für wen genau noch mal? Ah ja, für Studierende.
Als ehemalige Studentin frage ich mich immer wieder: Welche Studierenden, um Himmels Willen, die nicht gerade so privilegiert sind, dass die Familie finanziell noch ordentlich was beisteuert, sollten sich solche Apartments leisten können?
Aber werfen wir zunächst einen Blick auf die Preise: Für ein anderes Apartmenthaus für Studierende der Berlinovo in der Brückenstraße sind bereits Mietpreise einsehbar. Ab läppischen 480,00€ monatlich kann sich Student*in ein 16m² Apartment mieten. Was für ein Schnäpperken! (Uppsala, da war sie doch wieder, die gute alte Ironie.) Der Richtigkeit halber ist noch erwähnenswert, dass alle Nebenkosten in diesem Preis inbegriffen sind. Klingt erst einmal nicht verkehrt. Dennoch lassen wir uns das nun noch einmal auf der Zunge zergehen: 480,00€ monatlich für ein 16m² Studierendenapartment. Zehn Quadratmeter mehr, also insgesamt 26m², für insgesamt 860,00€. Die Fläche hat man sich dann aber auch mit einer weiteren Person zu teilen, die 26m² sind schließlich für mehrere Personen ausgelegt! Und ach so: Einziehen darf man selbstredend nur, wenn man zwei Mietkautionen, was dann im ersten Fall 960,00€ wären, zahlt. Na klar – nach meinem Abitur hatte ich auch ganz easy ‘nen Taui auf Tasche.
So und nun werfen wir noch einen Blick auf die BAföG-Situation, die ich wirklich gut – wenn auch unfreiwillig – verinnerlicht habe. Die ersten drei Monate meines Studiums liefen wie folgt ab: Das BAföG-Amt ließ mich ohne Fördergelder in meiner Wohnung (500,00€ Miete zzgl. Nebenkosten) stehen. Dass mir diese Förderung zustand und ich ohne jene somit am Existenzlimit kratzte, interessierte zu jenem Zeitpunkt herzlich wenig. Immer mal wieder hieß es, dieses oder jenes Dokument müsse noch nachgeliefert werden, was rückblickend vermutlich nur eine Masche ist, um frühzeitig nicht ausreichend disziplinierte Leute oder aber auch Menschen mit Sprachbarrieren auszusortieren. Denn beim besten Willen: Wäre ich auch nur etwas mehr auf den Mund gefallen und hätte nur minimal weniger Unterstützung aus meinem Freundeskreis erhalten, hätte ich mir das Studieren vermutlich doch geklemmt. Zu aufwändig, unübersichtlich und schlicht katastrophal läuft die dahinterstehende Bürokratie ab. Nicht auszudenken, wie es wohl Menschen mit Migrationshintergrund geht. Einen Job, mit dem ich mehr als 420,00€ monatlich verdiene, hätte ich zu dieser Zeit zur Überbrückung übrigens nicht ausüben dürfen, ich hatte ja schließlich schon den Antrag auf Ausbildungsförderung gestellt, womit man mir hätte nachträglich alles wieder wegnehmen können. Okay und 420,00€ hätten eh nicht einmal für die Miete meiner 30m² ,großen’ anderthalb Zimmer Wohnung gereicht. Also: Geld pumpen. BAföG Schulden reichen ja nicht aus. Alles in einem also eine herrliche Situation zum Lernen – so ganz frei von existenziellen Ängsten und Sorgen. Entsprechend sahen meine Noten im ersten Semester aus – da wartet ja schließlich niemand darauf, dass sich deine Situation entspannt. Es geht – wie überall in unserem System – vorrangig um Leistung und doch eher selten um den Menschen.
Abschließend würde ich das Ganze gern überschlagen: Der aktuelle BAföG-Höchstsatz liegt bei einer Obergrenze von 725,00€ im Monat, wobei diese stark vom Alter abhängt: Bist Du ein Spätzünder oder eine Spätzünderin und fängst erst mit 30 Jahren an zu studieren, steht dir ein höherer Satz zu. Logisch, oder? Zwischen 25 und 30 Jahre alten, allein wohnenden Personen gibt es sicher riesige Unterschiede. Aha. Nun gut, weiter geht’s: Ich hatte also den Höchstsatz, die 725,00€, plus den 420,00€ Verdienst meines zugelassenen Minijobs, monatlich zur Verfügung. Macht zusammen: 1.145,00€. Meine damaligen Fixkosten betrugen um die 300,00€. Zuzüglich zur Miete macht das also insgesamt 800,00€, die jeden Monat fest eingeplant waren. Die restlichen 345,00€ sind für Lebensmittel und – Achtung, liebe Fraktion „Dieses faule Studentenpack“, bestimmt ein- bis zweimal pro Monat auch für Spaß und Freizeit draufgegangen. Damit meine ich z.B. den Kauf einer Winterjacke. An ganz abenteuerlustigen Tagen war ich auch mal ein, zwei oder sogar drei Bierchen trinken. Und wissen Sie was? Damit ging es mir verdammt gut. Zumindest im Gegensatz zu den Studierenden heute. Denn unter Anbetracht der steigenden Energie- und Lebensmittelpreise – ach, was rede ich denn, eher der steigenden Preise für einfach alles, will ich mir gar nicht ausmalen, unter welchen Existenzängsten Studierende aktuell leiden und wie viele von ihnen das Studieren bereits aus finanziellen Gründen aufgegeben haben. Bildung war schon immer so ungerecht auf der Welt verteilt, wie der Regen: die einen bekommen entschieden zu wenig, die anderen greifen sie gleich für drei ab. Und die aktuelle Situation spielt dem auch noch in die Karten. Aber ja, da war ja was: Bildung für alle und so.
Liebe Regierende, liebe Ämter, liebe alle, die diese Situation maßgeblich mitgestalten und mitgestaltet haben: Es muss jetzt etwas passieren, das Studiensystem benötigt dringend eine Reform. Und das bedeutet keinen Schrei oder den Wunsch danach, im Luxus und auf der faulen Haut zu ersaufen. Nein, es geht vielmehr darum, dass es möglich sein muss, sich für z.B. Notfälle etwas Geld auf die Kante legen zu können. Denn aktuell bedeuten kaputt gegangene Winterschuhe oder gar ein Wasserschaden in der Wohnung noch die pure Panik. Ich hoffe sehr, dass die Bildung von und für morgen noch etwas bedeutet, denn eigentlich wissen wir doch alle, wie das Leben spielt: meist unverhofft und das recht oft.

–eine Meinung von A. Schwirrat, Verlagsleitung, Redakteurin & ehemalige Studentin