Der deutsche Nachwuchsfußball leidet: Das Konkurrenzangebot wächst, während die Zahl der fußballspielenden Kinder jährlich sinkt. Der DFB sieht einen der Gründe, warum viele im Jugendalter ihre Clubs verlassen, im Spielsystem: Bei zu vielen Kids auf dem Platz sammeln die Jüngsten mehr Negativ- als Positiverfahrungen. Kein Wunder, dass die Lust am Fußball vergeht. Als Folge dessen können Vereine ihre Jugend-Mannschaften nicht mehr mit Spielenden füllen. Ist der DFB nun das Gegenmittel? Der DFB will ein neues Spielsystem einführen, das mehr Ballkontakte sowie Torchancen für alle ermöglicht. Neben etlichen Befürwortenden gibt es auch Kritiker*innen der neuen Spielidee.

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Wer schon einmal auf einem Fußballplatz stand, wird wissen: Jahrgangsübergreifend ist “7 vs. 7” die wohl beliebteste Spielform. Doch das Problem dieses Systems beginnt bereits beim Training. Wenn nur wenige Trainierende zum Match antreten dürfen, kommen viele Kids zu kurz. Konditionell Schwächere oder auch Mädchen, die statistisch gesehen einige Jahre später mit dem Fußballspielen beginnen, sammeln hier schon die ersten negativen Erfahrungen. Bei insgesamt 20 trainierenden und davon zehn Stammspieler*innen, sind das immerhin 50 Prozent. Auch problematisch wird die frühe Orientierung auf Positionen gesehen. Wer im Kindesalter im Sturm gestanden hat, kann später zwar super mit dem Ball umgehen, wird aber im Umkehrschluss wenig taktisches Defensivverständnis erlernen. Ähnlich verhält es sich mit Torhüter*innen, die meist ihre gesamte Karriere zwischen den Pfosten verbringen. Einige Landesverbände haben bereits mit der Verkleinerung der Teams begonnen, denn das “7 vs. 7” löste immer wieder Frust aus: Die Kinder hatten oft nur wenige Ballkontakte, Eltern waren sauer über die kurzen Spielzeiten ihrer Schützlinge und Trainer ratlos angesichts des Siegeswunsches auf allen Seiten.
Die Lösung steckt vielleicht in einem neuen Spielsystem: Bei den Jüngsten wird künftig das “3 vs. 3 auf vier Minitore” eingeführt. Ab 2024 stehen damit nur noch sechs statt 14 Kids auf einem deutlich verkleinerten Spielfeld, das durch je ein Minitor auf jeder Seite begrenzt wird. Auch die Spieltage werden einer Änderung unterzogen, denn es wird nicht mehr nur eine Partie ausgetragen. Es treffen sich ab 2024 mehrere Mannschaften auf einem Vereinsplatz. Jeder angereiste Verein kann mehrere Teams in einer Altersgruppe anmelden. Besteht eine G-Jugend beispielsweise aus 4 Kids, wird nach jedem Tor rotiert, sodass jedes Kind auf dem Platz stehen kann. Auf mehreren Plätzen werden die Matches dann ausgetragen. Die Gewinnenden rutschen ein Feld vor, die Verlierenden eins zurück. Dadurch ergibt sich ein Gleichgewicht in Bezug auf das Können der Teams.
Die Ansichten zu dieser Reformation gehen auseinander – denn die Veränderungen werden auch für die Amateurvereine spürbar sein. Einige Clubs kritisieren die wahrgenommene Bevormundung des DFB und befürchten, dass die geplanten Spielfeste durch gleichzeitige Austragungen mehr Verwirrung stiften werden. Außerdem würde die Ausbildung der Torhüter*innen-Positionen deutlich zu kurz kommen, da Keeper erst in den späteren Jahrgängen gebraucht würden. Ebenso würden Eckbälle und Einwürfe vernachlässigt, da diese im “3 vs. 3” nicht existieren. Eine andere Perspektive verdeutlicht: Die Vermeidung von Eckbällen und Einwürfen verringert auch die Zahl der vieldiskutierten Kopfbälle im Kindesalter. Wenn Kinder sich nicht von vornherein auf Positionen festlegen müssen, erfahren sie durch das “3 vs. 3” eine solide fußballerische Basisausbildung. Auf deren Grundlage wird deutlich klarer, welches Kind sich für welche Position eignet. Und Kinder mit gewissen Nachteilen, beispielsweise Übergewicht oder auch ein geringeres Alter, werden stärker in die Matches eingebunden. Die kurzen Spielzeiten und die verringerte Anzahl der Spielenden sind zwar deutlich intensiver für die Kids, werden aber durch das Rotationsverfahren abgefedert. Auch der Mädchenfußball kann wieder besser gefördert werden, weil eben keine zehn Mädels mehr zum Gründen eines Teams notwendig sind.
Der größte Knackpunkt, den es bis 2024 noch zu beheben gilt, betrifft ebenjene Amateurvereine. Die Clubs müssen bisher eigenständig für die Materialkosten aufkommen, die finanziellen Ressourcen sind in den meisten Fällen nicht vorhanden. An dieser Stelle ist der DFB an der Reihe: Wenn diese Reform so wichtig ist, gilt es von jetzt an nicht nur zu reden, sondern den Vereinen finanziell unterstützend zur Seite zu stehen.

–Lotti Hermel