Foto: Anne T.

Es ist kalt, aber die Sonne reckt ihre wärmenden Strahlen über unsere Köpfe. Wir stehen am Brandenburger Tor. Es sammeln sich immer mehr Menschen auf dem großen Platz. Ein Gemurmel geht durch die Menge und man hört eine den Ohren nicht allzu gängige Sprache: Farsi. Viele halten Schilder und Bilder in die Höhe; Frauen, Leben, Freiheit. Die persischen Schriftzeichen schlängeln sich elegant über die Pappschilder. Viele Frauen und Männer sind heute gekommen, um zu demonstrieren. Was sie treibt? Wut, Trauer und der lang unterdrückte Drang nach Freiheit. Sie gehen für ihre Familien in ihrer Heimat, dem Iran, die sie vor Jahren verließen, auf die Straße. Sie hielten es in dem diktatorischen, islamischen Regime nicht mehr aus und suchten an anderen Orten der Welt ihr Glück. Die Familien zu verlassen ist für viele keine leichte Entscheidung, wird diese sowie die Geselligkeit im Iran doch sehr groß geschrieben.

Persien. Eines der ältesten und prägnantesten Reiche, das auch maßgeblich unsere Kultur in Europa beeinflusst hat. Vielen ist diese Tatsache nicht bewusst, aber die persische Kultur hat weitaus mehr zu bieten als Tee, Teppiche und Sitar-Musik. Auch ist der Islam etwas, was man durch die 40 Jahre anhaltende Diktatur, die auf eine islamische Revolution folgte, mit dem Iran verbindet.Jedoch liegt in der über 3000 Jahre alten Kultur die Wiege aller Weltreligionen und einstmals wurden viele Glaubenspraktiken gelehrt. Persien schloss sich aus einer Vielzahl an Nomadenvölkern und den Überbleibseln einstiger Hochkulturen, wie den Babyloniern, zusammen. Seit jeher haben sich Gelehrte in den damaligen Weltstädten, wie Persepolis, zusammengefunden und die Zukunft bestimmt. Wie kommen wir nun aus der Vergangenheit auf den Pariser Platz in Berlin, wo Frauen sich ihre Haare abschneiden und sie verbrennen? Ein tragisches Ereignis, das im Iran leider zum Alltagsgeschehen geworden ist: Frauen werden verhaftet, verletzt und sogar getötet, weil sie sich nicht an die Vorgaben des rückständigen Regimes halten. Der Tod einer jungen Frau brachte das Fass nun zum Überlaufen. Die Methoden, welche der Unterdrückung dienen sollen, werden von der Bevölkerung in großer Zahl nicht länger toleriert. Es ist schwer, gegen eine Gewaltherrschaft anzukommen, aber nun scheint die Zeit gekommen, in der die Menschen aufstehen und sich gemeinsam wehren. Es ist das Verlangen nach Freiheit, was den Menschen neben dem Streben nach Erkenntnis und Fortschritt treibt. Unterdrückung hinterlässt ihre Spuren und früher oder später kommt ein Punkt, an dem der Damm bricht. Vor allem für die jungen Generationen ist Ungerechtigkeit nur schwer auszuhalten.

Die Menge setzt sich in Bewegung, Tausende wandern die Straße unter den Linden hinab. „Wir wollen keine islamische Republik!“ es erklingen Chorgesänge aus allen Ecken, immer wieder werden Hymnen angestimmt, die verebben, um von Neuem zu erstarken.

In den nächsten Wochen gehen die Menschen im Iran immer wieder auf die Straße, um ihre Solidarität füreinander auszudrücken. Viele gehen bis in den Tod. Unsere Welt ist noch lange nicht frei und wird es vielleicht auch nie für alle sein, aber das heißt nicht, dass wir uns nicht trotzdem dafür einsetzen können.

Es liegen turbulente Zeiten vor uns, hinter uns und um ehrlich zu sein, befinden wir uns mittendrin. Warum mich dieses Thema beschäftigt, ist vor allem das Bewusstsein darum, dass wir in Europa das Patriarchat zu großen Teilen hinter uns gelassen haben. Auch die Religion hat nicht mehr den Stellenwert, wie noch hunderte Jahre zuvor. An anderen Orten der Welt müssen die Menschen aber noch für Demokratie und Mitbestimmungsrecht kämpfen und wir können unseren Beitrag im Kleinen leisten. Solange jeder von uns seine Menschlichkeit nicht vergisst und die Augen nicht vor dem verschließt, was um ihn herum geschieht, können wir uns an den kleinen Wundern des Alltags erheitern. Denn wo Schatten ist, ist auch Licht und für dieses lohnt es sich immer zu kämpfen.

–Anne T.