eine Meinung von Oliver Igel, Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick

Grafik: Martin Claus

Kälte kann einen Menschen auf verschiedene Weise fertig machen. Da ist einmal die soziale Kälte – die Ausgrenzung, weil es einem materiell nicht so gut geht, wie anderen.

An allem muss Mensch aktuell sparen. Es reicht kaum für das Nötigste an Essen und Getränken und dazu ständig die Frage, wie man sich bloß das weitere Leben leistet. Sorgen, die an den Nerven zehren, die krank machen und jemanden unglaublich schnell altern lassen. Keine Gedanken über Theaterbesuche, Ausflüge oder Urlaube – sondern Sorgen über Miete, Strom, Heizung und Essen. Und dann ist da noch diese andere Kälte, die sich am Thermometer zeigt, weil man die Heizung nicht mehr aufdrehen kann. Eine Kälte, die mit Wärmflasche und in Decken gehüllt auch noch so richtig einsam macht.

Jedes Jahr am 17. Oktober wird der Welttag zur Überwindung der Armut veranstaltet. Auch in diesem Jahr war das der Fall. Dabei geht es nicht darum, ärmeren Menschen Brosamen zu reichen – nein: Es geht darum, für Menschenrechte zu kämpfen. Und darum, ein Stück sensibler für die Lebenssituation ärmerer Menschen zu werden. Zu diesen Menschenrechten gehört, dass niemand an Hunger leiden und jeder eine eigene Wohnung haben soll.

Der Kampf für diese Menschenrechte wird dieses Jahr besser gelingen. Er ist uns nämlich viel näher als sonst. Der furchtbare Angriffskrieg auf die Ukraine hat zu einer tiefen existenziellen Krise in Europa geführt, denn er hat eine Inflation in unser Land gebracht, die wir schon lange nicht mehr gesehen haben. Für viele ist dies sogar die erste echte Inflation. Die Armut und die damit einhergehenden Sorgen kommen gerade in der Mitte der Gesellschaft an. Und? Schauen wir bereits anders auf die am Bahnhof sitzenden Menschen, welche die Hand aufhalten oder einen Becher hinhalten und um eine Münze bitten? Wir erwischen uns, dass wir früher das eine oder andere Mal innerlich den Kopf geschüttelt und uns abfällig gefragt haben, wie man nur so tief sinken könne. Und sehen wir uns nun womöglich auch an dieser Stelle sitzen? Und wie oft habe ich als Bezirksbürgermeister Beschwerden über Obdachlose und Wohnungslosenunterkünfte erhalten, insbesondere wenn in einer Nachbarschaft ein neues Objekt eröffnet werden sollte. Wir haben uns jedenfalls nicht dort gesehen.

Armut, sie kann uns alle treffen. Und deshalb heißt es: Haltung wahren. Es gilt, sich den Standpunkt zu bewahren, dass ein Angriffskrieg mit unschuldigen Todesopfern und Vertriebenen nicht einfach vergeht und man diesen auch dann nicht gutheißen kann, wenn damit die Hoffnung auf ein Ende von Inflation und Energiekrise einhergeht. Auch wenn es hingegen näher und leichter scheint, sich in Menschen hineinzuversetzen, die jeden Monat auf Sozialleistungen des Staates angewiesen sind und deshalb nicht abfällig als Schmarotzer bezeichnet werden dürfen. Und ja: der Gang zur Tafel, um Lebensmittel zu erhalten, ist ein schwerer Weg, der unterstützt werden muss. Empathie und Solidarität sind Haltungen und Wertevorstellungen, die wir gerade in diesem Herbst und Winter leben müssen. Es heißt jetzt: unterhaken. In der Ukraine herrscht ein Krieg, der unmittelbar auch bei uns angekommen ist. Das ist so. Und jetzt heißt es: Hier lebt nicht jeder für sich allein, sondern wir alle müssen uns auch untereinander so gut unterstützen, wie es geht.

Bundesregierung und Senat haben große Pakete mit vielen Milliarden Euro geschnürt, um Not zu lindern. Bei vielen Menschen, bei Unternehmen und Vereinen, wird dies ankommen, nicht immer wird es ausreichen oder für ausreichend gehalten. Auf diese Hilfen muss niemand mit Scham schauen. Sie sind ein Beitrag zu dieser Situation, zur Überwindung von Armut. Im besten Fall verhindern die Hilfen neue Armut. Und wenn nicht? Dann sind wir alle gefordert: mit Haltung und Solidarität. Es gilt, wieder mehr zu lernen und zu leben, dass wir uns gegenseitig unterstützen, dass nicht nur das Ich zählt. Es wird in diesem Herbst und Winter ausreichend Gelegenheiten geben, aus einem schwachen Ich ein starkes Wir zu machen. Wärme statt Kälte eben.