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Foto: wirestock

Eine Kerze für jedes Menschenleben. Viele Menschen gedenken am Totensonntag oder auch Ewigkeitssonntag genannt, mit einem Licht an die Verstorbenen, denn der Totensonntag ist ein besonderer Tag. Ganz am Ende des Kirchenjahres gelegen, setzt er einen Schlusspunkt. Es ist ein Brückentag. Der Totensonntag schlägt eine Brücke, er markiert den Übergang zwischen Leben und Tod. Aber brauchen wir das heute noch?

Kennen Sie Oskar Maria Graf? Einen Schriftsteller, der Bäckerbub, welcher in Bayern geboren wurde und in New York starb. Einer der scharfsinnigsten literarischen Analysten des Verhältnisses von Kleinbürgertum und Faschismus. Ein Mann, der ein wundervolles Buch über das Leben seiner Mutter geschrieben hat. Er malte ein Bild aus Buchstaben und Worten, das unglaublich fein ihren Katholizismus und ihren Glauben verriet. Ein Bild, welches zeigte, wie dieser Glaube ihr Halt und Zuversicht gab auch wenn ihr Leben ausschließlich aus Arbeit bestand. Er eröffnete mir, wie zufrieden diese Frau war, trotz der damaligen Brutalität des Lebens. Nicht weniger als ein Denkmal setzte er seiner Mutter – schöner als jeder Grabstein, jede Trauerrede oder jeder Nachruf.
Wenn ich heute solch ein Buch schreiben könnte, es wäre über das Leben meines Großvaters, über meinen Opi, wie er bei jedem seiner Enkel hieß. Ich würde ein Buch schreiben über einen herzlichen Mann, der immer da war, der scheinbar auf jede Frage die richtige Antwort wusste und für seine Enkel vieles möglich machte – beim Sport, beim Spiel, in der Schule und im Leben. Soweit ich zurückdenken kann, war ich jedes Wochenende, jeden Ferientag bei ihm und Oma.

Eines Tages war es wieder so weit: Es waren Ferien, ich war wieder bei Oma und Opa und wir schauten im TV eine Leichtathletik-Meisterschaft. Die Entscheidung im Hochspringen startete und ich war fasziniert davon, wie Menschen mit solcher Leichtigkeit über die Latte springen können. So einfach sah es aus und ich wollte nichts mehr, als das auch zu können. So wie kleine Jungen halt ihre Träume haben. Ich weiß noch ziemlich genau, wie Opi einen Tag später vor mir stand, mit einem Schlüssel in der Hand. Der Schlüssel gehörte zu einer Sporthalle mit Hochsprunganlage. Ich sprang am Anfang mit Sprungbrett, fühlte mich wie die Hochspringer im TV, übte mit ihm den Flop, verbrachte die halben Ferien mit dem Springen über die Hochsprunganlage und war in meinen Träumen der größte Leichtathlet der Welt. Ich weiß durch ihn, dass das Leben keine Grenzen hat. Und noch heute, wenn ich Hochspringen sehe, ist er immer dabei.
Mein Großvater war ein gebildeter und studierter Mann, der in leitender Position arbeitete, aber immer wusste, was wir brauchten. Dann kam der Krebs. Ich war immer noch jedes Wochenende da, war mir der Gefahr des Todes nicht bewusst, denn er wusste es so zu beschreiben, dass ich keine Angst bekam. Es kam das Krankenhaus – ein letztes Winken aus der Entfernung. Wie bei einem Abschiedslied, bei dem sich die Musiker der Reihe nach von der Bühne verabschieden und das Licht auf der Bühne erlischt…

Trauertage – es sind nicht nur traurige Tage, sie sind viel mehr. Alle, die einen lieben Menschen verloren haben, spüren und wissen es. Erinnerung und Trauer sind der Kampf gegen das Vergessen. Es ist unsere Art, einen lieben Menschen nicht verschwinden zu lassen. Die Trauer zeigt uns schmerzhaft, dass der Tod zum Leben gehört. Häufig entsteht gerade in diesen Momenten die Sehnsucht nach den alten Ritualen und Bräuchen. Bräuche, die uns diese Momente mit unseren Lieben wieder erleben lassen. Bräuche, die sich an den Gedenktagen im November erhalten haben. Am Monatsanfang mit Allerheiligen und Allerseelen und am Monatsende mit dem Totensonntag oder Ewigkeitssonntag genannt. Dazu kommt der Volkstrauertag als staatlicher Gedenktag, an dem den Toten des Krieges und Gewaltherrschaften erinnert wird. Diese Tage stehen für die Trauer, aber vor allem für den Widerstand des nicht Vergessens der Lieben und unseren Erinnerungen.

Je weniger Raum wir dem Tod geben, desto schwerer stirbt es sich. Mit diesen Tagen geben wir den nötigen Raum, um mit diesen schwierigen Situationen umgehen zu können. Wir brauchen diese Tage!

 

 –M. Schulz-Uteß, Kellner Bestattungen